QM-Tools – Werkzeuge für Ihr Qualitätsmanagement
Ishikawa-Diagramm: Ursachen strukturiert nach den 6M sammeln
Die Fischgräte sammelt Ursachen in der Breite, statt bei der ersten Vermutung zu bleiben. Aufbau, die 6M mit Leitfragen, Abgrenzung zu 5 Why und ein Praxisfall aus der Zerspanung.
Ein Fehler tritt auf, das Team sitzt zusammen, und nach zwei Minuten steht die erste Vermutung im Raum. Meist stammt sie von der Person mit der lautesten Stimme. Von da an dreht sich die Diskussion nur noch um diese eine Spur. Genau das verhindert das Ishikawa-Diagramm.
Der japanische Statistiker Kaoru Ishikawa (1915–1989) entwickelte die Fischgräte für die Qualitätsarbeit in der japanischen Industrie; verbreitet hat sie sich ab den 1960er-Jahren und zählt heute zu den sieben elementaren Qualitätswerkzeugen (ASQ). Das Prinzip ist einfach: Das Problem steht rechts als Kopf des Fisches. Von der Hauptgräte gehen schräge Gräten ab, je eine pro Ursachenbereich. An diese Gräten schreibt das Team alle Ursachen, die es für möglich hält. Erst wenn nichts mehr kommt, wird bewertet.

1 Was das Ishikawa-Diagramm leistet
Das Werkzeug sammelt Ursachen in der Breite. Es verfolgt sie nicht in die Tiefe. Dieser Unterschied entscheidet über den Nutzen. Ein Team, das die Fischgräte richtig einsetzt, hat in unseren Workshops nach einer Stunde dreißig bis fünfzig Einträge auf dem Papier. Darunter sind Nieten, doch auch zwei oder drei Punkte, an die vorher niemand gedacht hat.
Der zweite Nutzen ist sozial. Die sechs Kategorien geben jedem Beteiligten einen eigenen Zugang. Der Instandhalter liefert zur Maschine, die Fertigung zur Methode, die Qualitätssicherung zur Messung. Niemand muss den anderen widersprechen, um etwas beizutragen. Das senkt die Hemmschwelle deutlich.
Was das Diagramm nicht leistet: Es beweist nichts. Ein Eintrag an der Gräte ist eine Hypothese, kein Befund. Die Prüfung folgt danach, mit Daten, Messreihen oder einem gezielten Versuch. Wer diesen Schritt überspringt, handelt nach Bauchgefühl mit hübscher Grafik.
2 Die 6M und ihre Leitfragen
Die 6M sind die gebräuchlichste Einteilung, aber nicht die einzige. Erweiterungen, etwa um Geld oder Management als weitere Kategorie, laufen unter 7M oder 8M (ASQ). Die sechs Standardkategorien decken die meisten Fertigungsprozesse ab. Wichtig sind nicht die Begriffe, sondern die Fragen dahinter. Sie halten das Team in Bewegung, wenn eine Gräte leer bleibt.
Mensch
Wer führt den Schritt aus? Wie wurde die Person eingewiesen, und wann zuletzt? Ist die Vertretung geregelt? Achten Sie auf Bedingungen, nicht auf Schuld. „Kollege unaufmerksam“ ist keine Ursache. „Einweisung erfolgte mündlich vor zwei Jahren“ ist eine.
Maschine
Ist die Wartung fällig oder erledigt? Liegen Werkzeuge und Vorrichtungen im Maß? Gibt es bekannte Störungen, die niemand gemeldet hat? Hier hilft ein Blick in die Instandhaltungshistorie mehr als jede Diskussion.
Material
Hat der Lieferant gewechselt? Wurde die Charge geprüft, und wie? Lagert das Material so, wie es die Spezifikation verlangt? Chargenwechsel gehören zu den häufigsten Treffern und lassen sich über die Wareneingangsdaten schnell nachvollziehen.
Methode
Beschreibt die Arbeitsanweisung noch den tatsächlichen Ablauf? Sind Parameter begründet oder überliefert? Steht die Reihenfolge der Schritte fest? Sehr oft weicht die gelebte Praxis von der freigegebenen Fassung ab, ohne dass jemand das dokumentiert hat.
Messung
Sind die Prüfmittel kalibriert? Wer misst wann, wie oft und an welcher Stelle? Sind die Daten belastbar? Diese Kategorie wird am häufigsten vergessen, obwohl ein streuendes Messverfahren ein Problem vortäuschen kann, das im Prozess gar nicht existiert.
Milieu
Gemeint ist die Umgebung: Temperatur, Luftfeuchte, Licht, Platz, Ordnung, Lärm. In der Zerspanung ist die Hallentemperatur ein echter Einflussfaktor. Im Büroprozess sind es Unterbrechungen und Parallelaufgaben.
3 Ishikawa-Diagramm aufbauen: fünf Schritte
Erstens das Problem präzise formulieren. „Qualitätsprobleme“ reicht nicht. Nennen Sie Merkmal, Bauteil, Menge und Zeitraum: „Durchmesser der Welle 2841 liegt bei 12 von 400 Teilen über der Toleranz, seit Kalenderwoche 34″. Diese Präzision entscheidet über den gesamten Workshop.
Zweitens die Hauptgräten setzen. Die 6M sind ein bewährter Start, keine Pflicht. Im Dienstleistungsbereich passen Mensch, Methode, Management, Mitwelt und Messung oft besser.
Drittens im Team sammeln. Sechs bis acht Personen, davon mindestens die Hälfte aus dem Prozess selbst. Erst jede Person still für sich notieren lassen, dann vorlesen. Diese Reihenfolge verhindert, dass die erste Wortmeldung den Rest prägt. Wir moderieren solche Runden in unseren QM-Workshops.
Viertens verdichten. Doppelte Einträge zusammenführen, Symptome streichen, unklare Formulierungen schärfen. Aus vierzig Zetteln bleiben meist fünfzehn belastbare Punkte.
Fünftens priorisieren. Jede Person markiert drei Ursachen, die sie für die wahrscheinlichsten hält. Die Spitzenkandidaten gehen in die Prüfung: Daten heranziehen, messen, nachrechnen. Hilfreich ist dabei ein Blick auf vorhandene Kennzahlen, wie wir es in der Prozess- und Kennzahlenoptimierung aufsetzen.
4 Ishikawa oder 5 Why?
Die beiden Methoden werden oft gegeneinander gestellt. Sie gehören hintereinander. Das Ishikawa-Diagramm öffnet den Blick, 5 Why schließt ihn wieder.
Konkret heißt das: Erst sammeln Sie breit über alle sechs Kategorien. Dann nehmen Sie die zwei oder drei priorisierten Ursachen und fragen für jede einzeln nach dem Warum, bis Sie auf einer Ebene landen, auf der eine Maßnahme greift. Wer nur Ishikawa macht, hat eine Landkarte ohne Ziel. Wer nur 5 Why macht, gräbt tief an einer Stelle, die er nie überprüft hat. Einen Überblick über weitere Methoden und ihr Zusammenspiel gibt unsere Übersicht der QM-Tools.
5 Praxisbeispiel aus einem Zerspanungsbetrieb
Ein Zulieferer im Landkreis Passau fertigt Drehteile für den Maschinenbau. Über drei Wochen häuften sich Ausschussteile: Der Durchmesser lag am obersten Rand der Toleranz, teilweise darüber. Die erste Vermutung im Betrieb lautete „Maschine ausgelaufen“.

Im Workshop mit Einrichter, Instandhalter, Messtechnik und Fertigungsleitung entstanden 18 Einträge. Drei kamen in die Prüfung: warmlaufende Spindel, Messung am noch warmen Bauteil, Hallentemperatur unter 15 Grad in den Morgenstunden.
Die Messreihe zeigte den Zusammenhang deutlich. Teile aus der ersten Stunde nach Schichtbeginn lagen systematisch höher. Ursache war die fehlende Warmlaufzeit der Maschine, verstärkt durch die kalte Halle. Die Maßnahme kostete nichts: zwanzig Minuten Warmlauf vor dem ersten Teil, Erstteilprüfung erst nach Temperaturausgleich. Der Ausschuss ging in der Folgewoche auf null. Ohne die Fischgräte wäre der Betrieb bei „Maschine ausgelaufen“ geblieben und hätte über eine Neubeschaffung nachgedacht.
6 Vier Fehler, die den Nutzen zerstören
Allein am Schreibtisch ausgefüllt. Eine Fischgräte von einer Person ist eine Notizsammlung. Der Wert entsteht aus den unterschiedlichen Blickwinkeln im Raum.
Symptome statt Ursachen. „Teil zu groß“ an der Gräte Material ist eine Wiederholung des Problems. Gefragt ist, was am Material dazu führt.
Keine Priorisierung. Ein Diagramm mit vierzig gleichwertigen Einträgen führt zu vierzig kleinen Maßnahmen oder zu keiner. Ohne Rangfolge bleibt das Blatt liegen.
Kein Abgleich mit Daten. Die priorisierten Ursachen müssen gegen Zahlen geprüft werden. Interne Audits sind eine gute Gelegenheit, diesen Schritt einzufordern. Mehr dazu unter interne und externe Audits.
7 Was die ISO 9001 wirklich fordert
Die DIN EN ISO 9001:2015 nennt das Ishikawa-Diagramm an keiner Stelle. Kapitel 10.2 verlangt bei einer Nichtkonformität, die Ursachen zu ermitteln und zu bewerten, ob vergleichbare Fälle bestehen oder auftreten könnten. Welche Methode Sie dafür wählen, bleibt Ihre Entscheidung.
Für das Audit heißt das: Der Auditor fragt nicht nach der Fischgräte. Er fragt nach dem Nachweis, dass Sie die Ursache systematisch gesucht und die Wirksamkeit der Maßnahme geprüft haben. Ein fotografiertes Flipchart mit Datum, Teilnehmern und Priorisierung erfüllt das vollständig. Umgekehrt schützt kein Formular, wenn die Maßnahme nie umgesetzt wurde. Beim Aufbau solcher Nachweisketten unterstützen wir in der QM-Beratung. Weitere Beiträge zu einzelnen Methoden finden Sie in unseren Blogbeiträgen.
Häufige Fragen zum Ishikawa-Diagramm
Wie viele Ursachen gehören in ein Ishikawa-Diagramm?
Es gibt keine Zielzahl. In unseren Workshops entstehen meist dreißig bis fünfzig Einträge, die auf zehn bis fünfzehn belastbare Punkte verdichtet werden. Entscheidend ist, dass jede Kategorie besetzt ist. Eine leere Gräte bedeutet fast immer, dass die passende Fachkenntnis im Raum fehlte.
Muss ich immer die 6M verwenden?
Nein. Die 6M sind ein bewährter Startpunkt für Fertigungsprozesse. In der Verwaltung oder im Dienstleistungsbereich passen Kategorien wie Management, Mitwelt oder Information oft besser. Wichtig ist nur, dass die Kategorien den Prozess vollständig abdecken.
Was ist der Unterschied zwischen Ishikawa-Diagramm und 5 Why?
Das Ishikawa-Diagramm sammelt in der Breite alle denkbaren Ursachenbereiche. 5 Why geht in die Tiefe und verfolgt eine einzelne Ursache bis zur Wurzel. Erst Ishikawa zum Sammeln, dann 5 Why für die wahrscheinlichsten Kandidaten.
Brauche ich Software für ein Ishikawa-Diagramm?
Nein. Flipchart, Moderationskarten und Stifte genügen und sind im Workshop sogar besser: Alle sehen dasselbe Blatt, jeder kann etwas ergänzen. Digital erfasst wird danach, für die Ablage und die Nachverfolgung der Maßnahmen.
Ursachen strukturiert aufnehmen
Sie haben ein wiederkehrendes Problem, das trotz mehrerer Maßnahmen bleibt? Dann fehlt meist nicht der Wille, sondern die Struktur in der Ursachensuche. Wir moderieren die erste Runde und übergeben das Vorgehen anschließend an Ihr Team. Nehmen Sie Kontakt auf, wir sind für Betriebe in Passau, Freyung, Deggendorf und ganz Niederbayern da.
- ASQ (American Society for Quality): What is a Fishbone Diagram? Ishikawa Cause and Effect Diagram. asq.org, abgerufen am 26. August 2026.
- ASQ (American Society for Quality): Kaoru Ishikawa (Honorary Members). asq.org, abgerufen am 26. August 2026.
- EBSCO Research Starters: Ishikawa diagram. ebsco.com, abgerufen am 26. August 2026.

